Als Malariahelfer unter Goldsuchern

Natürlich gibt es auch ständig weitere Aktionen im Urwald. Mal als so genannte „Malariahelfer“, mal als „TV Europa“-Filmteam, das die Goldsucher aus Sicht der Mafia zeigen will nach dem Motto „Wir geben 65.000 Arbeitslosen Arbeit!“

Bis 2000 bin ich fast jährlich vor Ort des ungleichen Krieges zwischen den Yanomami mit ihren Pfeilen und Bogen und den Weißen mit ihren Bulldozern, Gewehren, Vergewaltigungen und Krankheiten. Am häufigsten mit Christina Haverkamp. Sie unternimmt auch eine eigene, eine „Frauenexpedition“. Mit nur Frauen als Teilnehmerinnen. Als Frau und mit ihrem Mut gelingt es ihr fast mühelos, geheime Dokumente zu beschaffen. Zum Beispiel die Landkarte aus dem Tower des Flughafens von Boa Vista (Sitz der Goldgräber-Mafia). Auf ihr sind sämtliche 120 illegalen Landepisten verzeichnet. Die Landepisten, die jeder Buschpilot kennt, aber angeblich kein Militär, kein Politiker. Die Mafia reagiert sauer. Plötzlich brennt Christinas VW-Bus auf rätselhafte Weise am helllichten Tage mitten in Boa Vista. Zweimal werden wir komplett ausgeraubt.

Bei anderer Gelegenheit wird Christina während unserer Recherchen im Goldgräbergebiet (garimpo) festgesetzt, der Rückflug verweigert. „Wenn du Hunger hast, kannst du dir dein Geld als Prostituierte verdienen“, so das Angebot der Pistenbosse.

Ich bin zufällig einen Tag vor der Entlarvung ausgeflogen worden. Über einen Piloten kann sie einen Hilferuf an mich absetzen. Ich alarmiere die Deutsche Botschaft in Brasília, und die benachrichtigt die Bundespolizei (Polícia Federal). Innerhalb von 24 Stunden kommt Christina frei.

Grund für Christinas unerwartete Festsetzung und unsere Bedrohung ist die Ausstrahlung des Films von Wolfgang Brög im brasilianischen Fernsehen. Man hat den 45-Minuten-Streifen in fünf Folgen zerhackt, mit Werbung gespickt und so auf insgesamt 75 Minuten aufgemotzt. Da hat jeder Mafiaboss in Boa Vista Gelegenheit, sich am nächsten Tag hinzuzuschalten und verärgert zu sein.

Ich konsultiere die Weltbank in Washington, um über ihren Einfluss Druck auf Brasilien zu erbitten. Die Brasilien-Expertin der Weltbank gibt uns einen wertvollen Rat für Wolfgang Brögs Film. „Nachdem man die willkürliche Zerstörung und Ignoranz aller Gesetze in Ihrem Film gesehen hat, lassen Sie in den letzten Filmszenen Auszüge aus der Verfassung über den Abspann laufen.“

Ein guter Rat mit einrucksvoller Wirkung.

Auch bei einer UNO-Versammlung in der Schweiz zugunsten bedrohter Urvölker zeigen wir Wolfgangs Film.

Wir veranstalten Demonstrationen vor dem brasilianischen Generalkonsulat in Hamburg und der Botschaft in Bonn. Wir bauen Urwaldszenen nach und imitieren Goldwäsche.

Im Laufe der Zeit schreibe ich fünf Bücher über das Yanomami-Drama. Christina und ich touren mit Lichtbildervorträgen durch Europa. Dazu kommen viele TV-Magazinbeiträge und Talksendungen. Greenpeace, Survival International, der WWF und immer mehr kleinere Organisationen schließen sich der Bewegung an. Irgendwann kennt „jeder“ die Yanomami.

Rettung

Ende des letzten Jahrtausends ist der Druck endlich ausreichend groß. Entscheidend wird die Weltbank. Sie verbindet eine Kreditvergabe an Brasilien mit der Bedingung „Kredit nur bei Yanomami-Frieden!“

Und plötzlich ist er möglich. Der Nachschub wird abgeriegelt, Flugzeuge werden notfalls beschlagnahmt. Der Spuk hat ein Ende. Die Yanomami erhalten einen akzeptablen Frieden.

Der Hauptdank dafür gilt der seriösen und kontinuierlichen Arbeit der brasilianischen CCPY und den positiven Politikern und Menschen Brasiliens.

Die Goldsucher sind weniger gut dran. Sie müssen zurück in die Elendsviertel der Großstädte.

Mittlerweile sind die Yanomami weltbekannt. Viele internationale Organisationen kümmern sich um sie. Ich wende mich anderen Projekten zu. Die letzte mit Christina gemeinsame Aktion ist der Bau einer Hilfsstation am Rio Marauiá. Hospital und Schule. Die Gelder stammen von Spendern, die unsere Vorträge gesehen haben und uns vertrauen.

Die Anregung zum Bau kommt aus Indianerkreisen. „Obwohl die Goldsucher fort sind, sterben wir weiter an den neu eingeschleppten Krankheiten, gegen die wir keine Abwehrkräfte besitzen.“ Gemeint sind Masern, Grippe, Erkältung und vor allem Malaria. Sie hat es hier früher nicht gegeben.

Die Schule wird geleitet von Ana, einer bewundernswerten Französin und Einzelkämpferin. Sie lebt schon vier Jahre dort (inzwischen ein halbes Leben) für quasi „Kost und Logis“. Sie spricht perfekt die Yanomamisprache. Sie lehrt die Indianer nicht nur Portugiesisch, sondern erstmals in derer Geschichte, die eigene Sprache in Buchstaben zu kleiden, zu schreiben, zu lesen. Bei Ana erfahren die Indianer erstmals, dass ihre Sprache kein „Affenquieken“ ist, wie die Goldsucher es nennen.

Christina baut zwei weitere Krankenstationen. Eine davon in Venezuela. Dieser Prototyp wird von der Regierung für so gut befunden, dass man ihn zwölffach nachbaut! Christina soll sogar Mitarbeiterin im Indianerministerium werden. Sie bevorzugt ihre Unabhängigkeit und lehnt ab. Stattdessen organisiert sie bereits ihr nächstes Projekt. Sie will mit eigenem Amazonas-Schiff, umfunktioniert zu einer fahrenden Krankenstation, sämtliche zu den Yanomami führenden Flüsse abfahren und die Yanomami medizinisch betreuen.

Christina avancierte damit zu einer wichtigen Vertrauensperson der Indianer. Sie wird Alarm schlagen, sobald die Goldsucher zurückkehren sollten.