Persönliche Episoden

Die Kunst des Zählens

Die Yanomami können nur bis zwei zählen: muhún, eins, purakábe, zwei. Was darüber hinaus geht, heißt bruká, viel. Was wirklich viel ist (Blätter auf den Bäumen) heißt bruká-bruká, viel-viel. Dennoch können sie auch mit höheren Zahlbegriffen umgehen. Ähnlich dem Ostfriesen, der angeblich nicht bis drei zählen kann. Kommen einem Ostfriesen drei Personen entgegen, behilft er sich. „Na, ihr zwei, noch einen mitgebracht?“

Ähnlich bewältigen die Yanomami das Problem.
„Wann ist das Totenfest?“, will ich wissen.
„Noch viele Tage.“
„Wie viele?“ Ich halte ihnen die Finger hin. Vier, fünf, sechs...Sie lachen.
Ich gebe ihnen mehrere Steinchen. Pro Tag sollen sie einen hinlegen.
„Ist das Fest morgen?“
„Nein.“ Ich lege einen Stein hin.
„Ist es am Tage darauf?“
„Nein.“ Ich packe einen weiteren Stein hinzu.

Sie verstehen, was ich will. Den Rest bewältigen sie selbst. Aber es dauert doch fünfzehn Minuten, ehe sie schließlich neun Steinchen aussortiert haben.

Ich mache eine Gegenkontrolle. Ich stelle anderen Männern dieselbe Aufgabe. Auch dort nach langen Diskussionen: neun Steine.

Am nächsten Tag ein weiterer Check. „Wie viele Tage sind es bis zum Totenfest?“

Tatsächlich legen sie mir acht Steine hin. Und nach acht Tagen findet die Feier tatsächlich statt.

Eine andere Art des Zählens erlebe ich bei einem langen Marsch durch unbekanntes Gebiet. Pro Nachtlager schnitzen sie eine Kerbe seitlich in ein winziges, flachgeschabtes Stöckchen. Auf dem Rückweg erhält das Kerbholz allabendlich eine Gegenkerbe. Und optisch ist jedem klar, wann man wieder daheim ist.

Geiz

„Wer mehr hat, muss abgeben“, lautet eins ihrer Grundgesetze. Das kriege ich bald zu spüren. Nicht ich bestimme, wer wann und wofür Geschenke (Angelhaken, Tabak, Nadeln...) erhält. Sie werden mir sehr bald, zwar höflich, aber bestimmt, abgenommen. Der Häuptling übernimmt die Verteilung. Nachteil: zu den nächsten Dörfern muss ich ohne Geschenke. Vorteil: es gibt keinen Streit, denn niemand fühlt sich übergangen.

Oder: ich habe meine Strümpfe gewaschen. Sie hängen auf einer Liane zum Trocknen. Schlendert ein Yanomami vorbei. Sieht die zwei Socken, stutzt, zählt nach. „muhún, purakábe, eins, zwei!“ Daneben liege ich in der Hängematte. Sein Kopf arbeitet. „Zwei Socken, aber nur ein Mensch. Da ist eindeutig ein Strumpf zuviel.“

Gedacht, gehandelt. Ich bin die Socke los. Er zieht sie über einen Fuß und präsentiert sie, stolz humpelnd, den Mitbewohnern.

Es kostet mich viel Überredungskunst und etwas von dem weit entfernt verstecktem (als Vorbeugung gegen die Beschlagnahme durch den Häuptling) Tabak, um das Textil zurückzukaufen. Dabei müsste ich ihm eigentlich dankbar sein. Denn „Wer geizig ist, kommt nicht in den Himmel.“

Das schlimmste Schimpfwort, das man einem Yanomami zurufen kann, ist „Wa zi imi, Geizhals!“

Alkohol, Drogen, Tabak

„Die Yanomami kennen keinen Alkohol“, heißt es in vielen Schriften. Ich erlebe das anders. Anlässlich eines Festes wird ein riesiger Bottich mit Pupunha-Früchten gekocht. Die Früchte schmecken wie gekochte Kartoffeln, werden zermatscht und mit Wasser zu einer Kartoffelsuppe gemengt. Es ist eine große Menge. Längst sind alle satt. Dennoch ist noch viel übrig. Am anderen Tag ist der Brei am Gären. Gierig trinken selbst Kinder das Gebräu und liegen sehr bald trunken und völlig willenlos am Boden.

Den Yanomami ergeht es mit Alkohol wie vielen Naturvölkern. Wenn sie seiner habhaft werden, trinken sie bis zum Exzess. Dabei genügen schon kleinste Mengen, um den Indianer betrunken zu machen. Ihm fehlt das Enzym, das uns „Weißen“ hilft, Alkohol zu verkraften.

Deshalb ist der Verkauf oder die Abgabe von Alkohol an Ureinwohnerstreng verboten. Allerdings kümmert sich niemand um die Einhaltung.

Sobald die tägliche Arbeit geleistet ist – das ist nach durchschnittlich vier Stunden der Fall – werden nachmittags von den Männern Drogen (epená) geschnupft. Jeden Tag. Sie werden hergestellt aus einer Mischung verschiedener halluzigener Pflanzen. Diese werden über dem Feuer schnellgetrocknet und mit dem Mörser zerstoßen, gesiebt, pulverisiert. Bis wirklich alles staubfein ist. Dieses Pulver hebt man sich gut auf. In kleinen Kürbissen, in hohlen Knochen, in Glasfläschchen. Bei Bedarf blasen sich die Männer die Droge gegenseitig mit voller Kraft und in mehreren Schüben mittels kurzer Blasrohre durch die Nase bis ins tiefste Gehirn und die Lunge. Um die Tiefenwirkung zu erhöhen, wird das andere Nasenloch zugehalten.

Schmerzgestöhn, schwarzer Nasenschleim, schwarzer Speichel, tränende Augen sind die typische erste Folge. Nach wenigen Momenten setzt die Wirkung ein. Sie fühlen sich groß, stark und unbesiegbar. Sie scheinen völlig „weggetreten“. Aber das sind sie nicht wirklich. Sie nehmen sehr deutlich wahr, was um sie herum vorgeht. Anders als ein Betrunkener in unserer Welt. Dann tanze und singen sie, jeder für sich.

Der Tanz währt eine bis zwei Stunden. Dann legen sie sich erschöpft in die Hängematte.

Wenn Yanomami mit uns aus dem Wald in eine brasilianische Ortschaft kamen, nahmen sie die Drogen überraschend nicht. Wenn sie jedoch auf Landsleute stießen, tat man sich zusammen und schnupfte Epená wie daheim.

Die Yanomami rauchen ihren Tabak nicht, sondern saugen ihn. Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen. Sie streuen Asche aus ihren Feuern auf die feuchten Blätter, rollen sie fingerdick auf und schieben die Rolle hinter die Unterlippe. Dort verbleibt sie während des ganzen Tages. Während des Schlafes wird die Rolle neben die Hängematte gelegt. Morgens wird sie erneut mit Speichel elastisch gemacht.

Liebeserklärung

Schweißgebadet schrecke ich nach einem fiebrigen Malarianfall hoch. Um mich herum hocken die drei Dorfschamanen. Sie haben sich mit Epená vollgedröhnt. Der schwarze Nasenschleim tropft auf meinen Bauch. Soeben streift mir einer unter großem Geschrei mit seinen nassen Händen den bösen Malariageist, die Beine entlang, aus dem Körper heraus, fängt ihn mit den Händen auf. Damit stürzt er schreiend in den Wald und „entsorgt“ den Schädling, indem er ins Gebüsch schleudert.

So werde ich gesund. Vielleicht auch wegen meiner Malariatabletten.

Während ich das noch halbbenommen mitverfolge, streicheln mich die anderen. Und Häuptling Fusiwe macht mir Mut. „Wenn du tot bis, essen wir dich auf!“

Das ist kein Grund zum Schock. Es ist die schönste Liebeserklärung auf Yanomami. Dann ist sichergestellt, dass auch meine Seele verzehrt wird und nicht ins All entweicht. Denn dort würde sie von bösen Geistern massakriert. Im Leib eines Lebenden jedoch ist sie sicher. Denn der Lebende verteidigt sich gegen Angriffe.