Meine Mitstreiter

Nur mein erster Marsch zu den Indianern geschieht ohne Partner. Schon beim zweiten Mal, habe ich zwei Mitstreiter dabei. Später dann jeweils einen. Ihnen allen schulde ich Dank. Ohne sie wäre mein Kampf aussichtslos gewesen.

Uli Krafzik begleitet mich als Filmemacher. Sein Film „Überleben im Urwald“ wird im ZDF, reportage, gezeigt.

Daniel Grolle begleitet uns bei dieser Reise als Tonmann.

Wolfgang Brög gelingt die eindrucksvollste Reportage. Er dokumentiert unsere Undercover-Arbeit als Goldsucher mit versteckter Kamera. Sein Film „Goldrausch in Amazonien“ wird ebenfalls im ZDF, Reportage, gezeigt Greenpeace kopiert ihn mehrere hundert Male und verteilt die Kopien an viele TV-Sender in aller Welt. Dieser Film trägt wesentlich dazu bei, den drohenden Völkermord an den Yanomami bekannt zu machen. Er stärkt die Lobby, beschleunigt die Wende zugunsten der Indianer,. Beide Yanomami-Filme sind heute auf DVD erhältlich (s. Literaturverzeichnis)

Christina Haverkamp und ich werden Freunde und Kampfgefährten auf mehreren Reisen. Undercover als Malariahelfer, als ‚Reporter’ „für“ die Goldmafia, als Seeleute mit dem Bambusfloß über den Atlantik. Als Frau gelingt es ihr beinahe mühelos, die Mafiabosse und die Politiker vor die Kamera und zu Aussagen zu verlocken und lebend aus brenzligsten Situationen herauszukommen.

Als Revanche verbrennt man ihr ein Auto, wir werden mehrfach in Fallen gelockt und ausgeraubt, sie wird von Goldsuchern gefangen gehalten und nur durch die schnelle Reaktion der deutschen Botschaft in Brasília gerettet.

Gemeinsam bauen wir die erste Hilfsstation am Rio Marauiá (siehe Buch „Über den Atlantik und durch den Dschungel“; leider nur noch antik verfügbar). Christina baut später weitere vorbildliche Hilfsstationen für die Yanomami in Brasilien und Venezuela

Unsere Feinde

Sie sind zahlreich. Sie reichen vom einfachen Goldsucher über deren Pistenbosse, Wirtschaftsführer, das Militär, die Polizei, die Politiker bis hinauf zum Staatspräsidenten. Nicht zu vergessen die Journalisten und Missionare. Die Armee der Hintermänner ist größer als die Anzahl der Goldsucher. Das System der Ausbeutung ist mafiös durchstrukturiert. Perfekt. Auch der Indianerschutzdienst FUNAI machte uns damals Probleme. Heute arbeiten wir mit unserem Projekt bei den Waiapí-Indianern zufrieden stellend zusammen.

Mit Ausnahme der Goldsucher (viele sind Analphabeten) kennen alle Beteiligten die brasilianische Verfassung. Sie liest sich so fantastisch, als hätten Poeten und Philosophen sie formuliert. Man möchte sie sich übers Bett hängen. Ihr zufolge darf man keinen einzigen Baum fällen, keinen Fisch fangen ohne Zustimmung der Indianer. Es klingt, als dürfe man als Fremder nicht einmal ihren Sauerstoff atmen.

Die Verfassung wird auch von allen beachtet. Aber nur, um sie als Anregung zu nutzen, dann das Gegenteil zu praktizieren.

In dieser Kette der Gesetzesbrecher sind die Goldsucher die, denen man am wenigsten einen Vorwurf machen kann. Sie kommen aus nackter Not und Verzweiflung. Sie hoffen, ihrem trostlosen Leben in den favelas (Elendsvierteln) der Großstädte und der ständigen Arbeitslosigkeit zu entrinnen und ihrem Dasein endlich eine Wende zu geben. Jeder hofft auf den Fund des Lebens, und kaum einer kehrt wirklich reich zurück. Zu klein sind die Fundmengen, zu gering der Schürfanteil, zu skrupellos ist das System der Ausbeutung, sind die Verlockungen durch Frauen und Alkohol. Zu groß sind die Gefahren durch räuberische Kollegen. Goldsucher - Opfer und Täter.

Komm mit, Affen grillen!

Dennoch sind auch unter den einfachen Goldsuchern ausreichend viele, die keine Sekunde zögern, ohne jeden Anlass Indianer zu töten. Aus niedrigsten Beweggründen. Indianer sind Freiwild. „Es sind doch nur Affen“, ist ihre Meinung. Sie schießen spielende Kinder aus den Bäumen, sie vergewaltigen Frauen und zerteilen sie mit dem Haumessern. Wenn sie ein Indianerdorf umzingeln und anstecken, nennen sie das „Affen grillen“.

Verantwortlich jedoch sind vor allem die Organisatoren des Völkermordes. Die die Gesetze kennen und sie ignorieren. Diejenigen, die wissentlich gelogene Meldungen als Wahrheit drucken oder in den Äther senden, um Nachschub an Arbeitskräften zu aktivieren. Die, die behaupten, wie viele Tonnen von Gold man finden könnte. Die, die Tötungen von Goldsuchern durch Indianer als Anlass nehmen, die Opfer als Täter und Kannibalen zu diskreditieren, um Brasiliens Bevölkerung gegen sie aufzubringen.

Es sind die Politiker, Männer wie Frauen, die Gesetze ignorieren und aushebeln, die behaupten, Völkerwanderungen könne man nicht aufhalten, die Landesrecht über Bundesrecht stellen, die da öffentlich wirksam fragen, mit welchem Recht man so wenigen Indianern so viel Land zubillige. Pistenbosse, die sich feiern lassen für ihr soziales Engagements „Wir schaffen Arbeitsplätze!“

Zu diesen verantwortungslosen führenden Politikern zählen für uns die Gouverneure Gilberto Mestrinho, Romero Jucá Filho, Staatspräsident Sarney und die ständig wechselnden FUNAI-Präsidenten. Einzige Ausnahme: FUNAI-Präsident Sidney Possuelo, der auch heute noch zu den glaubwürdigen Autoritäten des Landes zählt.

Ferner sind da das Militär und korrupte Richter, die das Indianergebiet zum militärischen Sicherheitsbereich erklären möchten, weil sie sich „bedroht fühlen von Venezuela“. Oder „bedroht von den USA, den Naturschützern und Indianerfreunden, die einen unabhängigen Indianerstaat ausrufen wollen“. Deshalb sind Ausländer allen grundsätzlich suspekt. Es ist gefährlich, sich als Indianerfreund, Naturschützer oder Journalist zu erkennen zu geben.

Aus den rissigen Hirnen solcher Repräsentanten quellen dann Pläne wie der, quer durchs Yanomamiland eine Verbindungsstraße vom Atlantik bis Kolumbien durch den Wald zu schlagen; die Calha Norte (nördliche Schneise).

Oder die Idee, den Yanomami nur noch 19 kleine Urwald-Inseln um einige ihrer Dörfer (malocas) herum zuzubilligen und den Rest des Waldes zur Besiedlung und Ausbeutung freizugeben.

Außerdem sind da die Bosse aus der Wirtschaft, die nicht nur Gold, sondern auch Titan und Diamanten (und vieles mehr) bergen möchten. Da ist die Rede von 34 Bergbauunternehmen, die sich bereits Land gesichert haben, das noch gar nicht zur Disposition steht. Mit Hilfe unserer Unterstützer können wir Belege für diese miesen Geschäfte beschaffen.

Da sind ferner die Pistenbosse, denen die Polizei und das Militär sofort zu Hilfe eilen, wenn sie sich bedroht fühlen.

Christen der besonderen Art

Und last not least sind es einige Missionare, die die Vorgänge als Augenzeugen oder aus erster Hand kennen und schweigen, um ihr Missionsrecht nicht zu verlieren. Geradezu kriminell: die protestantische US-Mission New Tribes Mission. Fanatiker übelster Sorte.

„Was? Du brauchst Malariatabletten? Gerne. Aber dann musst du erst einmal ein Vaterunser für unseren lieben Herrgott beten.“

Dass den Yanomami ihre traditionelle Religiosität wichtig ist, um ihre Identität zu wahren, wird mit der Arroganz christlicher Überheblichkeit ignoriert.

Ein besonders beschämendes Beispiel lernen wir im deutschstämmigen evangelisch-lutherischen Pfarrer Ralf Weißenstein in Boa Vista kennen. Christina Haverkamp und mir gegenüber gibt er sich als deutscher Honorarkonsul aus.

Kurz vorm Start mit einer Mafiamaschine zu einer der illegalen Pisten, werden wir ausgeraubt. Wir wissen, wer die Täter sind, brauchen seinen Beistand. Das verspricht er, rät uns, ein Protokoll über den Überfall anzufertigen und dann schleunigst das Land zu verlassen in Richtung Venezuela. „Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Ich werde die Angelegenheit dann regeln.“

Das tut er auch. Aber anders, als wir hoffen. Wir vertrauen ihm und nichts geschieht. Als wir ihn doch telefonisch aus Caracas zu fassen kriegen, windet er sich. „Viel Arbeit. Konfirmationen.“ Dann lässt er die Katze aus dem Sack. „Sie haben ja vorgehabt, illegal zu den Yanomami einzufliegen. Alle anderen NGOs haben mir abgeraten, mich für Sie einzusetzen.“

Dabei gibt es gar keine NGOs, die zu jener Zeit im Yanomamigebiet operieren. Christina und ich sind die beiden einzigen Einzelkämpfer. Nur auf politischer Ebene gibt es noch die brasilianische CCPY (Comissao pela Criacao do Parque Yanomami). Sie ist die wichtigste Organisation für das Überleben der Yanomami. Sie ist nicht gegen uns, sondern zählt zu unseren Beratern.

Wen wundert’s also: die Deutsche Botschaft in Brasília weiß von keinem Honorarkonsul namens Ralf Weißenstein. Für uns ist er nicht nur ein Feigling, sondern ein Mittäter. Für uns ist er das Paradebeispiel eines Negativchristen.

Zum Glück gibt es Ausnahmen.

Dazu zählen wir die katholischen Salesianer unter Bischof Dom Aldo. Sie haben keine direkte Evangelisierung angestrebt, sondern durch ihre Lebensweise beeindrucken wollen. Die Indianer vertrauen ihnen. Deshalb sind die Salesianer der Mafia ein Dorn im Auge. Mehrfach Attentaten entgangen, kämpft der italienische Bischof dennoch unermüdlich und unerschrocken weiter. Er gehört zu unseren Vorbildern und Beratern. Er wird des Landes verwiesen, seine Missionsstation Catrimani zeitweise geräumt und von Regierungstreuen übernommen. Es ist der Mafia ein Leichtes, Bischof Dom Aldo zu Ostern in leerer Kirche in Boa Vista predigen zu lassen.

„Wer zur Messe geht, bekommt Probleme“, verbreitet man unter der Bevölkerung. Da betet sie anderswo.

Und schließlich ist da der „Indianerschutzdienst“ FUNAI, der zu allem schweigt oder konkurrierende Häuptlinge gegeneinander ausspielt.

Aber letzten Endes sind es die Staatspräsidenten Sarney und Cardoso persönlich, die verantwortlich sind für den drohenden Völkermord. Sie kennen ihre Gesetze, sie kennen die Situation vor Ort, sie sehen die Satellitenaufnahmen mit den 120 Landepisten. Und sie reagieren nicht.

„Entsprechende Gesetze sind in Arbeit“, heißt es bei Beschwerden internationaler Menschenrechtler. Und um die Öffentlichkeit zu beruhigen, werden zwei, drei Flugzeuge der Goldsucher beschlagnahmt, ein paar Goldsucher vor laufenden TV-Kameras gefangen und wieder freigelassen, sobald die Reporter fort sind.