Undercover als Goldsucher

Weitere Goldsucher marschieren ein. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Divisionsstärke. Ich tauche erneut in die Wälder ein. Immer wieder. Mit wechselnden Partnern und immer neuen Vorwänden schleusen wir uns ein, mischen uns unter Indianer, Goldsucher und Hintermänner, um mit ständig aktuellen Berichten das Drama im Regenwald einer möglichst breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen. Wir brauchen Geduld und langen Atem.

Bei unserem Kontakt mit den Goldsuchern stellen wir sehr bald fest, dass sie nicht grundsätzlich Kriminelle sind, die nur zwei Ziele verfolgen: Indianer morden und Gold scharren. Sie sind selbst Opfer. Sie werden von einer gut organisierten Mafia mit Versprechungen von Reichtum in den Wald gelockt und erbarmungslos ausgebeutet. Sklaverei wie eh und je.

Das Leben als Goldsucher ist streng reglementiert. Vier Männer (garimpeiros), ein Aufseher (gerente) und manchmal eine Frau teilen sich die Arbeit in einem garimpo, einer Grube. Die Frau hat die Aufgabe, tagsüber für die Männer zu kochen und ihre Wäsche sauber zu halten. Nachts arbeitet sie meist als Prostituierte. Schlaf findet sie offenbar während des Beischlafs. Vielleicht heißt das deshalb so.

Zunächst wird der Wald gefällt. Dann werden Claims von 20 mal 20 Meter abgesteckt, vom Holz gesäubert und das Erdreich mit Hochdruckwasserpumpen aufgerissen. Bis zu vier Metern Tiefe. Im Schlamm befindet sich (mit Glück) Goldstaub. Winzige, manchmal kaum sichtbare Nuggets (pepitas de ouro). In flachen, Spitzpfannen wird durch Rotation die leichtere Erde über den Pfannenrand hinausgeschleudert. Das schwere Gold (spez. Gewicht 19,32 g) verbleibt am Boden der Pfanne mit einigem Restschlamm. Dieses Gemisch wird mit Quecksilber vermengt. Die Chemikalie zieht den Goldstaub an wie ein Magnet das Eisen und verbindet sich damit.

Das Gold-Quecksilber-Gemisch wird mit Schweißbrennern auf 1064°C erhitzt. Das hochgiftige Quecksilber verdunstet in die Atmosphäre, das Gold schmilzt. Das verdunstete Quecksilber kehrt als Niederschlag zurück auf die Erde und belastet den Wald und das Leben. Das Gold wandert in die Taschen der Bosse.

Bei diesem Schmelzvorgang sind alle vier Goldsucher und der gerente, der Aufseher, zugegen. Diebstahl ist sehr schwierig. Wenn er doch mal gelingt (z.B. beim Fund eines größeren Nuggets), aber entdeckt wird, wird der Dieb getötet.

Die gefundene Menge wird gewogen. Der Boss des Claims erhält 70%. Das beansprucht er für seine Kosten: den „Erwerb“ des Gebietes, Bestechung der Behörden, Beschaffung der Maschinen, des Sprits, Rekrutierung der Leibwache (pistoleiros). Die verbleibenden 30% gehen zu gleichen Teilen an die vier Goldsucher und die Köchin.

Mein Anteil nach drei Wochen Schinderei und Sodbrennen bis zum Anschlag (als Folge des einseitigen Essens) beträgt sechs Gramm!

Damit der Boss möglichst sämtliches Gold erhält, sind die Lebensbedingungen entsprechend erschwert. Die Arbeit währt von morgens bis abends. Das Essen ist eintönig. Bohnen und Reis. Wer Appetit auf anderes hat, muss es kaufen. Im Laden des Bosses, dem hier alles untersteht und der gleichzeitig absoluter Herrscher ist, gibt es Zucker, Schnaps, Zigaretten, Nudeln, Cola usw. Aber jedes Kilo kostet 1 Gramm (= 10 US-Dollar). Andere Währungen als Gold gelten nicht.

Goldsucher - Täter und Opfer

Wer Verlangen nach einer Frau hat, bezahlt fünf Gramm pro Nacht. Festpreis. Gehandelt wird nicht. Sonst gibt es Mord und Totschlag. Kondome sind teuer. Also verzichtet man auf sie. Geschlechtskrankheiten sind so verbreitet wie nirgendwo sonst in Brasilien.

Damit die Frauen nicht reich werden, müssen sie für ihr Sonderrecht, bedürftige Männer scharenweise vorzufinden, hohe Summen an den Boss abführen, müssen täglich in der Kantine essen und für jede Mahlzeit ein Gramm Gold löhnen.

Reich werden nur die Bosse und die Piloten. Jeder Flug kostet 15 Gramm pro Person. Fünf Personen haben in den kleinen Maschinen Platz.

Diese Pistenbosse (donos de pista) scheuen vor nichts zurück. Erforderlichenfalls finden sie jederzeit Unterstützung beim Militär, der Polizei, dem „Indianerschutzdienst“ FUNAI. Zu ihnen besteht Radioverbindung.

Sie töten aufmüpfige Goldsucher. Sie lassen Indianerdörfer in Flammen aufgehen. „Affen grillen“ nennen sie das. Niemand zieht sie zur Rechenschaft. Im Wald sind sie uneingeschränkte Herren. Feuerwaffen der Goldsucher gegen Pfeile der Indianer. Der Indianer ist chancenlos. Bürgerkrieg.

„Der weiße Mann zieht seiner eigenen Mutter Erde, die ihn immer ernährt hat, bei lebendigem Leibe die Haut vom Körper“ - ein fassungsloser Indianer beim Anblick eines Bulldozers, der seinen Wald mühelos beiseite schiebt:

Dennoch ist der Goldsucher ebenso Opfer wie der Indianer. Viele können froh sein, wenn sie je ohne Gewinn, aber zumindest lebend wieder in die Zivilisation entlassen werden. Mord und Malaria - die verbreitetsten Todesursachen. Keiner traut irgendjemandem. „Schneller als in einer Leiche kann man Gold gar nicht finden“, lautet eine verbreitete Devise. Also tötet man Kameraden, wo sich die Gelegenheit dazu bietet und eignet sich dessen paar Krümel Gold an, das T-Shirt, die Goldzähne. Wegen dieser Gefahr geht man in Gruppen, ist bewaffnet. Einzelgänger gelten als Selbstmordkandidaten.

Ist eine Grube (nach etwa drei Wochen) erschöpft, nimmt man sich die nächste vor. Zurück bleibt ein verwüsteter Urwald, ein Biotop der Sonderklasse, bereichert um Plastikabfall und Quecksilber. Der täglich niederfallende Regen strömt ungebremst zurück in den Ozean. Früher blieb viel davon im Humus hängen, auf dem Blätterdach. Jetzt geht das Wasser Brasilien verloren.

Im Jahre 2005 kann endlich auch der Dümmste die Folgen des Raubbaus sehen: noch nie, seit 500 Jahren, hatten der Amazonas und Rio Negro so wenig Wasser!