Erster Marsch zu den Yanomami

Bei diesen Widersprüchen ist das plötzlich ein Thema nach meinem Geschmack, ein Reiseziel, das mir keine Ruhe mehr lässt. Es scheint spannend zu werden, und erstmals erhalten meine Reisen – über die Neugier und Abenteuerlust hinaus - einen Sinn.

Ich sammele Informationen über die Yanomami. Vor allem ist es das Buch „Yanoama“ von Ettore Biocca, das mich mit umfassendem Wissen über das Waldvolk versorgt. Es erzählt das Leben der Brasilianerin Helena Valero, die als junges Mädchen von den Yanomami geraubt wurde und die dann über zwei Jahrzehnte mit ihnen lebte. Ein Lebenskrimi, der spannender authentischer und informativer nicht sein konnte. Einige ethnologische Werke aus der Universitätsbibliothek in Hamburg runden das Wissen ab. Hinzu kommen aktuelle mündliche Informationen von Missionaren in Brasilien.

„Was muss ich tun, damit die Yanomami mich nicht mit einem Goldsucher verwechseln und mich töten?“ Das ist die Kernfrage, mit der ich mich auseinandersetzen muss. Ihre Beantwortung, die richtige Reise-Strategie, werden darüber entscheiden, ob ich lebend zurückkehre oder in die ewigen Jagdgründe geschickt werde.

„Wer laut kommt, ist kein Feind“

Ich muss mich von Goldsuchern auf den ersten Blick unterschieden. Also werde ich allein gehen. Allein wirkt man nicht gefährlich. Außerdem ist man als Einzelgänger niemandem Rechenschaft schuldig. Goldsucher gehen in Gruppen., tragen Waffen und die typische Goldpfanne.

Ich werde unbekleidet gehen. Dann bin ich besser „durchschaubar“. Beobachter erkennen meine Wehrlosigkeit. Sie werden mich sogar bewundern, denn Indianer gehen große Strecken niemals allein.

„Sie haben Angst, dass niemand ihre Leiche bergen, verbrennen und die Knochenasche verzehren kann, falls ihnen unterwegs etwas passiert“, weiß Padre Casimiro Beksta. Er ist katholischer Missionar und Sprachgenie. Er gehört zu den Ersten, die die Yanomami-Sprache erforschten. Er wird einer meiner wichtigen Informanten. Er lebt in Manaus.

„Eine Begrüßung wie Guten Tag oder Floskeln wie bitte und danke kennen die Indianer nicht. Sie kommen an, sind da, erzählen vom langen Weg oder sonst was. Da Sie das infolge fehlender Vokabeln nicht ausdrücken können, sagen Sie bei einer Begegnung als allererstes „Schereka pe ni hay ma hey. Sinngemäß heißt das “Nicht schießen, ich bin ein Freund!“.
Ich schreibe mir alles auf.

Die Yanomami kennen kein wirklich gleichwertiges Wort für „Freund“. In ihrer Welt ist man entweder miteinander verwandt oder verfeindet. Das Mittelding, dass ein Fremder auch ein Freund sein könnte, kennen sie nicht. In besonderen Fällen umschreiben sie das für sie neue brasilianische Wort amigo mit totihiwe, gut. So bedeutet ihr Wort für Fremder, nape, gleichzeitig auch Feind.

„Und gehen Sie immer laut! Die Indianer sagen ‚Wer laut kommt, ist ein Freund. Wer schleicht, ist ein Feind’.“

Jeder Tipp des alten Missionars ist Gold wert. Am liebsten nähme ich Casimiro mit als Dolmetscher. Aber er fühlt sich körperlich nicht mehr stark genug. Statt seiner nehme ich eine Mundharmonika mit. Sie wird ‚Begleiter’ und Lebensversicherung zugleich. Auf ihr spiele ich alle 15 Minuten eine Melodie. Die Musik soll mich nicht nur ankündigen. Sie soll die Menschen von vornherein positiv stimmen.

Um das Militär und den so genannten Indianerschutzdienst FUNAI zu umgehen, will ich mein Gepäck auf das Minimum beschränken. So bin ich flexibler als jeder Wachposten und kann ihn weiträumig und mühelos umgehen.

Mein gesamtes Equipment passt schließlich in einen wasserdichten 20-Liter-Weithalskanister. Weder Regen, Luftfeuchtigkeit noch Flussdurchquerungen können der Ausrüstung etwas anhaben. Und gleichzeitig ist der Kanister mein „Schiff“.

Zur Ausrüstung gehören vor allem ein Regendach, Moskitonetz, Haumesser und Hängematte. Auf Lebensmittel und Wasser verzichte ich völlig. Wasser finde ich überall im Wald. In Bächen, in Lianen. Mit Nahrung bin ich mir nicht so sicher. Der Regenwald ist mir noch nicht ausreichend bekannt. Das will ich mit meinem Survivalwissen, der Disziplin „Test unbekannter Nahrung auf Genießbarkeit“ ausgleichen. Dennoch bereitet mir die fehlende Waldkenntnis Sorgen. Was ist, wenn ich gar nichts zu essen finde?

Da kommt mir die Idee zu einem Reality-Training, dem eingangs beschriebenen Marsch von Hamburg nach Oberstdorf. Der Marsch wird meine wertvollste Erfahrung, mein wichtigstes psychologisches Ausrüstungsteil.

Den ausführlichen Marschbericht finden Interessenten in meinem Buch „Echt verrückt, Band 2“

Gestalten wie aus einem Vexierbild

Ein Fischer aus Barcelos am Rio Negro bringt mich so weit wie möglich die Nebenflüsse Demini und Aracá hinauf. Dann bin ich allein und marschiere los. Mit meinem Kanister, dem Überlebensgürtel und viel Optimismus. Und mit permanenter Angst. Geht meine Strategie auf? Wie wird der erste Kontakt aussehen? Ist es ein Pfeil im Bauch? Wird sich womöglich niemand blicken lassen? Muss ich unverrichteter Dinge umkehren?

Alle Sorgen verfliegen, als schon nach nur fünf Tagen die ersten Indianer vor mir stehen. Unvermittelt lösen sich ihre braunen Körper aus dem Schatten der Bäume und dem Rotbraun des welken Laubes am Boden. Wie Figuren aus einem Vexierbild.

„Schereka pe ni hai ma hey!” Ich sprudle den Paradesatz wie aus der Pistole geschossen heraus. Ich habe ihn mir für diesen Moment mit autogenem Training immer wieder vorgesprochen. Und noch im Sprechen stecke ich die Mundharmonika in den Mund, atme einfach aus und ein, aus und ein, etwa wie „Spiel mir das Lied vom Tod“, schlage einen Purzelbaum…

Die drei Männer stehen gebannt und staunen. Ihre Pfeile bleiben gesenkt. Sie lachen. Sie nehmen mich mit in ihr Dorf. Dieser Tag wird zur Begegnung mit einer anderen Welt, zur Wende in meinem Leben.

Zunächst fällt auf, dass es keine Überbevölkerung gibt. Im Durchschnitt haben die Frauen zwei Kinder. Vier Jahre tragen sie sie an der Brust. Es gibt keine Hektik, keinen Müll, keine Arbeitslosigkeit. Vier Stunden muss ein Erwachsener pro Tag arbeiten, um sein Leben zu fristen. Danach ist Feierabend.

Die Verständigung erfolgt mit einer Vokabelliste von Casimiro. Zwei Männer des Dorfes sprechen ein wenig Portugiesisch. Das wird besonders hilfreich.

Was ihre Lebensart von der unseren am meisten unterscheidet, ist der fehlende Drang nach Luxus. Auch unser Vertrauen in und die Abhängigkeit vom ewigen Fortschritt, ist ihnen fremd. Sie leben wie immer. Heute wie gestern.

Zu Beginn meiner Begegnungen haben sie kaum Metall. Sie haben Grabstöcke, Pfeile, Flechtwerk. Bäume werden in tagelanger Arbeit mit Feuer gefällt, Fische geschossen oder vergiftet.

Sie wohnen wie eh und je unter einem großen gemeinsamen runden Dach. Keine Trennwände, keine Privatsphäre. Die Folge: Streit. Es sind keine „edlen Wilden“ nach Karl-Mayscher Lesart. Es sind „Ballerköppe“ wie alle Menschen. Ich erlebe ihre heile Welt. Die der Jagd, des Fischfangs, des Sammelns und des Ackerbaus.

Bürgerkrieg im Regenwald

Irgendwann nehmen sie mich mit an die Front. Urplötzlich werde ich Augenzeuge der Konfrontation mit unserer Welt, der Welt der Goldsucher, der Welt der Habgier, Rücksichtslosigkeit und Unberechenbarkeit. 65.000 (fünfundsechzigtausend) bewaffnete Männer wühlen sich von 120 illegalen Landepisten aus in den Wald! 400 Flugzeuge sorgen für den Nachschub. Erbarmungslos machen die Invasoren alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Indianer hat keine Chance.

Dabei sind die brasilianischen Gesetze auf Seiten der Indianer. Ihnen zufolge dürfte man ohne Zustimmung der Indianer nicht einen einzigen Baum fällen. Die Verantwortlichen vom Indianerschutzdienst, das Militär und die Politiker (bis auf sehr wenige Ausnahmen) schweigen und ignorieren das Geschehen. Kriminelle in Uniformen und Anzügen. Hier wird soeben auch das allerletzte der großen freilebenden Indianervölker des Kontinents ausgerottet. Hier tobt ein Bürgerkrieg.

Dass mich die Yanomami nach diesen schlechten Erfahrungen mit uns Weißen freundlich aufnehmen, nötigt mir höchsten Respekt ab. Ich beschließe, den drohenden Völkermord bekannt zu machen und Hilfe zu organisieren. Ich schreibe ein erstes Buch. Hilfe bringt es den Yanomami nicht.