Der Deutschlandmarsch

Wie muss ich mich verhalten, um an den Militärs vorbeizukommen? Antwort: ich muss beweglicher sein als das Militär. Ich muss quasi gepäcklos viele Wochen im Urwald bestehen können. Dafür muss ich nicht unbedingt nach Brasilien reisen. Das kann ich auch in Deutschland trainieren. Ich brauche nur die Zivilisation zu ignorieren. Stehlen, Mundraub, Betteln scheiden also aus. Das kann ich im Urwald auch nicht. Besonderes Erschwernis: hier es ist kalt. Das kostet Körperwärme und damit Nahrung. Brasilien würde angenehmer werden. Dort ist es warm, und die Flüsse sind voll mit Fischen. Da genügen eine Angel und ein Feuerzeug, um am Leben zu bleiben.

Die Wegstrecke für das Training ist schnell gefunden. Ein Lineal von Hamburg nach Süden an die Karte gelegt, und die Route steht fest. Hamburg-Oberstdorf. Knapp tausend Kilometer. Ein Overall, ein Paar Turnschuhe, eine Mütze. Kein Geld, keine Nahrung. 1981.

Der Anfang ist schwer. Vorbei an überfüllten Läden und duftenden Restaurants. Da quält der Hunger. Aber ich habe meine Vision, meine Motivation. Sie lautet: „Allein zu den Yanomami“. Das macht mich stark. Da scheidet jeder Betrug aus. Ich will mich schließlich nicht selbst aufs Kreuz legen.

Das ZDF hat durch einen Bericht im Hamburger Abendblatt davon erfahren und dreht darüber spontan eine Reportage. Um dem Vorwurf des Betruges, des heimlichen Essens vorzubeugen, geht deshalb ein Begleiter mit, der mich zu kontrollieren hat und sich normal ernähren darf.

So lebe ich von Anfang an von meiner Körpersubstanz. Hin und wieder gibt es ein paar Insekten. Mal zwei überfahrene Spatzen, ein Eichhörnchen. In einem Dorfbrunnen zwei magere Forellen. Um sich den nötigen „Treibstoff“ für den Marsch zu beschaffen, lebt der Körper vor allem von der eigenen Substanz. Er baut zunächst das Fett ab. Das entschlackt und belebt mich. Ich fühle mich lebendiger denn je. Dann folgen der Abbau der Muskeln. Ich werde schwächer. Ich brauche längere Pausen, um dem Organismus die nötige Zeit für den weiteren Abbau zu geben. Mich friert. Ich muss jeden unnötigen Wärmeverlust vermeiden. Deshalb wird die Mütze besonders wichtig. Über den Kopf verliert man die meiste Wärme. Vor allem als Glatzkopf. Zuletzt geht es an den Abbau des Gehirns. Ich werde reaktionsärmer, apathischer, habe keine Lust mehr auf Witze.

Aber die wichtigste Erfahrung mache ich am dritten Tag: der Hunger ist vollkommen gewichen. Ich bleibe cool und gelassen. Wenn das TV-Team im Gasthof verschwindet, interessiert mich das in keiner Weise. Nur trinken muss ich. Wasser gibt es genug in klaren Bächen, an denen keine Menschen wohnen.

Pro Tag verliere ich ein Pfund. Als ich am 23. Tag in Oberstdorf ankomme, bin ich um 25 Pfunde leichter. Ich fühlt mich so gut, dass ich den Weg theoretisch sogar noch zurückgehen könnte. Dann aber müsste ich mich entschieden mehr um Nahrung kümmern. Doch das scheint mir unnötig. Niemals werde ich solche Strecken im Urwald zurücklegen müssen, ohne auf Menschen zu stoßen. Bin ich erst einmal am Militär vorbei, will ich alle Viertelstunde auf einer Mundharmonika spielen. Mit der Musik will ich die Indianer anlocken und positiv stimmen.

Die ZDF-Dokumentation „Der Deutschlandmarsch“ ist als DVD im Handel: ISBN –13:978-3-8312-9352-0, Komplett Media Verlag.