Das Sperrmüllfloß

Das Sperrmüllfloß war eine Aktion mit Jugendlichen für den Schutz der Elbe. Eine heimische Aktion vor der Haustür. Die Idee kam mir auf dem Amazonas inmitten all der bunten zwei- und mehretagigen Schiffe. „Warum gibt es sie nicht auf der Elbe?“, ging es mir durch den Kopf. Um das auszuprobieren, mangelte es an Geld. Warum dann nicht ein Kompromiss? Ein einfaches Floß, aber zweigeschossig und kunterbunt wie Pippi Langstrumpfs Kinderzimmer.

Die Idee ließ mir keine Ruhe mehr. Ich baute ein kleines Modell, testete es auf dem Bach neben meinem Haus. Als es sich bewährte, konnte der Bau beginnen. Die zuständigen Behörden hatten keine Bedenken. Wir mussten lediglich zwei Außenbordmotoren mitnehmen, um manövrierfähig zu sein, ein Steuer- und Backbordlicht und nachts anlegen. Alle Teilnehmer mussten einen Binnenschifferschein machen.

Um das Angenehme mit etwas Nützlichem zu verbinden, sollte die Mannschaft aus jungen Menschen bestehen, denen ich die Schönheit und die Probleme des Flusses zeigen wollte. Das waren die Abwassereinleitungen der Fabriken, das war der Schmutz, der aus der DDR kam. Deshalb auch die Idee, in Dresden zu starten. Mit drei Jugendlichen von drüben und dreien von hüben. Mädchen und Jungen.

Schnell kam die erste Desillusionierung. Staatsratsvorsitzender Erich Honnecker lehnte mein Anliegen ab. „Wegen Gefährdung der DDR-Schifffahrt“. So starteten wir an der DDR-Grenze. Christine Schmidt, ZDF-Redakteurin, begleitete die Reise filmisch. Das Fahrzeug war ein echter „Hingucker“. Auftriebskörper waren mehrere Kubikmeter Styrodur. Sie waren umgeben von zwölf alten Telefonmasten. Die Decks bildeten starke Fichtenbretter.

Die gesamte Einrichtung hatten wir auf dem Sperrmüll zusammen gesucht. Im Parterre waren das Wohnzimmer mit einer Sesselgruppe, ein Labor, Kochnische und Toilette. Teppiche, Gardinen, Blumenkästen sorgten für Gemütlichkeit. Außen pendelte ein Fahrrad für kleine Erledigungen.

Eine schmale Treppe führte aufs Oberdeck. Dort war unser Garten mit Salatbeeten und Tomaten. Ein Hühnerstall mit sechs Hühnern und einem Hahn sorgten für das morgendliche Frischei. Hund, Ziege und Gitarre sorgten für Unterhaltung und eine Badewanne ermöglichte das Baden, wenn die Elbe unzumutbar war (also immer).

Vor allem während der ersten 80 Kilometer entlang der DDR-Grenze waren wir ständig unter der Beobachtung durch ostdeutsche Grenzsoldaten. Selbst aus fünf Metern Entfernung observierten sie uns mit Sonnenbrillen und Ferngläsern von ihren Booten aus. Zur Sicherheit begleitete uns deshalb auch ein Patrouillenboot des westdeutschen Grenzschutzes.

Die Reise dauerte drei Wochen und endete an der Nordsee bei Cuxhaven. Anfangs, mit der Strömung rund um die Uhr, ging sie schnell voran. Ab dem Stauwerk Geesthacht verlief sie langsamer. Ab dort wirkten die Gezeiten. Nur bei ablaufendem Wasser konnten wir weiterfahren.

Durch die tägliche Berichterstattung im NDR-Hörfunkprogramm kannte uns jeder. Überall erhielten wir Besuch von den Anwohnern, den Bürgermeistern, und Neugierigen. Das Sperrmüllfloß wurde zur Elbe-Attraktion. Man brachte uns frische Erdbeeren und Erbsensuppe. Wir besuchten anrainende Fabriken und ließen uns von den Firmenchefs vorgaukeln, wie sauber das Wasser ist, das ihre Fabriken verlässt. Mitfahrer Frank Jester war unser Laborant. Er untersuchte das Wasser und kontrollierte die Aussagen.

Später wurde das Floß noch einige Male in Einkaufzentren ausgestellt. Dann „demontierten“ es Jugendliche auf irgendeinem Spielplatz.

Es entstand die Dokumentation Mit der Elbe abwärts ( erhältlich bei Komplett Media Verlag, ISBN–13: 978-3-8312-9352-0).