Die Morde um Tatunca Nara

Tatunca Nara lebt in Barcelos am Rio Negro. Er sollte mein erster Führer zu den Yanomami-Indianern werden. 1982. Geradezu ein Glücksfall, schien es mir. Tatunca beherrschte Deutsch, Indianersprachen und Portugiesisch. Er war ein Mischblut. Sein Vater indianischer Häuptling, die Mutter eine geraubte (!), katholische (!), deutsche (!) Nonne! Welch eine Geschichte! Wer könnte mich, der ich zuvor nie für längere Zeit allein im Urwald gewesen war, besser führen und mir dessen Geheimnisse besser erklären als ein Häuptling persönlich?

Tatunca konnte erzählen, dass es einem die Sprache verschlug. Von morgens bis abends, tagelang, nächtelang und jede neue Geschichte war eine weitere Sensation. In Tatuncas Gesellschaft brauchte man keinen Schlaf mehr. Er war eine Aufputschdroge in Menschengestalt.

Nach dem Tode seiner Eltern sei nun er der Häuptling geworden. Verantwortungsbewusst habe er habe sein Volk in einer geheimen unterirdischen Stadt untergebracht, weil „der Weiße“ bisher alle Indianervölker umgebracht habe. Ohne ihn, Tatunca, das machte er mir klar, käme ich niemals lebend von den Yanomami zurück. Mehrere andere junge Leute, die ähnliches wie ich vorgehabt hätten, seien nie mehr zurückgekehrt. Von einigen habe man nur noch die Leichen gefunden.

Die Geschichten faszinierten mich. Im Kopf entstand bereits mein Buch über den großen Winnetou von heute.

Das änderte sich schlagartig. „Weißt du, ich spreche auch deshalb so gut Deutsch, weil bei meinem Volk in der unterirdischen Stadt noch zweitausend Soldaten von Herrn Adolf Hitler leben. Die sind im letzten Weltkrieg mit einem U-Boot den Amazonas heraufgekommen, um Brasilien von hinten anzugreifen, wenn Herr Hitler vom Atlantik her angreifen würde. Mein Vater hat sie damals aufgenommen und versteckt.“ 1982.

Ich war schlagartig desillusioniert. Die Konsequenz: ich ging ohne Tatunca zu den Yanomami. Das war meine Rettung. Mein Schutzengel hatte wieder einmal überzeugende Arbeit geleistet. Sonst zählte auch ich längst zu den Toten, die gefunden wurden. Denn ich passte gut in das Raster der Opfer. Bis dahin hatte ich ihn nur für einen begnadeten Erzähler gehalten, einen Menschen mit einer faszinierenden Lebensgeschichte. Jetzt war er für mich ein Fantast, ein Spinner.

Dass hinter seiner Geschichte noch viel mehr steckte, dass er in Wirklichkeit ein weggelaufener Deutscher aus Nürnberg war, der Frau und Kinder im Stich gelassen hatte, dass die Toten in unmittelbarem Zusammenhang zu ihm standen, das ergab sich erst nach meiner Rückkehr von den Yanomami. Stück für Stück.

Denn Tatunca hatte einen großen Fehler begangen.

Buch: Abenteuer Urwald - die Morde um Tatunca Nara
ZDF-Reportage: Das Geheimnis des Tatunca Nara ( mail@irisfilm.de)