Die Danakilwüste

Michaels Ermordung hat mich gelehrt, anders zu reisen. Selbst die scheinbar unbewohnteste Gegend gehört immer irgendjemandem. Den muss man herausfinden und ihn um Durchreiseerlaubnis bitten.

Das praktizierte ich mit meinen Freunden und Begleitern Klaus Denart (Begründer des europaweiten Globetrotter Ausrüstung-Konzerns mit Stammsitz in Hamburg) und dem Chemiker Horst Walter bei der Durchquerung der Danakilwüste in Ostäthiopien. Angeblich hatte sie noch niemand durchquert. Die Einwohner (Afar) galten als fremdenabweisend. Alle Männer sind bewaffnet. Die Geschichte hat sie gelehrt, keinem Fremden zu trauen. Viele unserer Vorgänger waren getötet worden. Selbst eine Armee von 500 ägyptischen Soldaten verschwand auf Nimmerwiedersehen. Vergiftete Brunnen und die Hitze (bis zu 54 Grad im Schatten) sind die gefährlichsten Waffen der Afar.

Uns reizte die Reise aus mehreren Gründen. Es war weniger die Lust auf einen Rekord, als mehr die Überwindung der erwähnten Abneigung der Einwohner gegen Fremde und die Konfrontation mit der fantastischen vulkanreichen Urlandschaft: Salzseen bis zum Horizont, Schwefelquellen wie Blumengärten, speiende Vulkane und die große unendliche Weite. Erschwerend kam hinzu, dass dort ein Bürgerkrieg tobte (1977). Die Afar Liberation Front und die Eritrean Liberation Front befanden sich im Aufstand gegen die brutale kommunistische Regierung Äthiopiens. Wir hatten keine staatliche Erlaubnis zum Betreten des Landes. Wir befanden uns illegal in der Danakilwüste.


Auch hier hing alles von der richtigen Strategie ab. Bewusst gingen wir diesmal unbewaffnet. Statt der Waffen hatten wir Leibwächter, denen wir vom ersten Gastgeber anvertraut worden waren. Sie wurden im nächsten Dorf ausgetauscht gegen neue Body Guards.

Um uns beliebt zu machen, nutzte ich mein medizinisches Grundwissen, den Menschen zu helfen. Nirgends gab es einen Arzt. Jede Kopfschmerztablette war deshalb schon hilfreich. Chemiker Horst war zuständig für eine Versuchsreihe: die Wasserproduktion aus Luftfeuchtigkeit. Mit Hilfe der stark hygroskopischen Chemikalie Zeolith sammelte er nachts Luftfeuchtigkeit ein und entzog sie ihr tagsüber mit Hilfe starker Hitze. Dabei half ihm ein großer Parabolspiegel. Die Chemikalie war immer wieder be- und entladbar. Medizin und Wasser wurden unsere Garanten für die Durchquerung der Wüste.

Bis heute zählt dieser Marsch zu den interessantesten Reisen unseres Lebens. Er dauerte viereinhalb Monate. Großartige Partner, täglich neue Überraschungen und die große Gastfreundschaft der Nomaden, machten sie zu etwas ganz Besonderem. Wir wurden Augenzeugen der Kämpfe, gerieten in Eritrea in Gefangenschaft, wurden mehrfach überfallen und erlebten zweimal, dass unsere Gastgeber sich mit ihrem Körpern als lebende Schilde vor uns stellten, um uns zu schützen. In der Danakilwüste wurde meine Sympathie für die große islamische Gastfreundschaft begründet. Aber niemals hätte ich mir damals träumen lassen, dass die dort erlangte Erfahrungen und der Respekt gegenüber den Menschen mir später beim Kampf gegen die Weibliche Genitalverstümmelung von Ausschlag gebender Hilfe werden würden. Oder dass ich einst mit eigener fahrender Krankenstation zurückkehren würde in dieses Land, um mich für das Erlebte zu bedanken.

Bei den Afar in der Danakilwüste wurde das Samenkorn für meine heutige Menschenrechts-organisation TARGET und ihre „Pro-Islamische Allianz gegen Weibliche Genitalverstüm-melung“ gelegt.

Klaus Denarts Filmdokumentation Durchs Höllenloch der Schöpfung gibt es auf DVD bei mail@irisfilm.de.