Ausgesetzt im Regenwald

Auf die Idee brachte mich ein sechsjähriger Yanomami-Knirps, barfuß bis zum Hals, mit nur einem Stock als Ausrüstung. Sechs Stunden führte er mich durch pfadlosen Urwald in Nordbrasilien heim in sein Dorf. Woran er sich orientiert hat, blieb mir ein Rätsel. Kaum, dass er mal aufblickte. Seitdem träumte ich davon, es ihm gleichzutun. Ohne Ausrüstung wollte ich mich irgendwo allein aussetzen lassen und nur mit meinem Survivalwissen heimfinden.

Zum 68. Geburtstag war es soweit. Ein Hubschrauber hatte mich im nördlichsten brasilianischen Regenwald am Seil in das dampfende grüne Dickicht abgelassen. Mitten in die Unendlichkeit des Regenwaldes südlich der Grenze zu Surinam. Regenwald von Horizont zu Horizont, durchzogen von Wasserläufen. Kein Dorf , kein Mensch. Unberührte Wildnis.

Ich hatte weder Karte noch Kompass, weder Nahrung noch Medikamente, weder Waffe noch Garderobe. Alles, was ich benötigte, sollte mir der Wald liefern.

Das einzige, was ich bei mir hatte, waren zwei Fotoapparate, ein Baumstativ, eine Filmkamera, ein Satellitentelefon, eine Solarplatte für den Strom. Verpackt in zwei wasserdichten Beuteln. Am Körper ein T-Shirt, eine Badehose, ein paar Turnschuhe. Anstandshalber.

Zuvor hatten die Waiapí-Indianer mir ein Training von zwei Wochen geboten. Es war ihr Dankeschön für die kleine Krankenstation, die Annette und ich ihrem Volk gebaut hatten. Dieses Training, meine Erfahrungen aus der Yanomami-Zeit und mein Wissen um Steinzeit-Survival, sollten mir den Weg nach Hause ermöglichen.

Schon die Landung geriet zum Fiasko. Am 45-Meter-Seil schwang ich in ein Gebüsch, das mit Dornen gespickt war. Meine Beine bluteten wie bei einer Schlachtung. Insekten stürzten sich darüber her, legten ihre Eier ab. Daraus entwickelten sich viele Furunkel. Als ich daran herumdrückte, kamen kein Eiter, sondern kaulquappengroße Larven zum Vorschein - Larven der Dasselfliegen! Ich esse sie auf und minimiere damit den Schaden.

Mein erstes Werkzeug war ein Stock. Waffe und Stöberstab zugleich wie der bei jenem kleinen Yanomami-Nackedei.

Nach vier Stunden bereits ein Bach. Damit war der Heimweg vorbestimmt und garantiert. Meine oberste Heimkehrregel: alle Wasser Nordbrasiliens münden in den Amazonas. Weit vorher trifft man auf Menschen. Dort sollte die Reise enden.

Lianen werden zur Hängematte verflochten. Ein Stein ergibt ein Beil. Mit dem Beil kann ich mir ein Floß bauen. Die dafür verwendete Pflanze ähnelt äußerlich dem Bambus, von der Konsistenz her aber eher dem Rhabarber. Sie ist massiv gefüllt mit einem Fruchtfleisch, das sich nicht voll saugt mit Wasser. Wie Styropor. Sie ist leicht zu fällen.

Ich sehe Mengen an Vögeln, einige Kaimane, Affen, die Spuren des Jaguar und Fische. Einer springt auf mein Floß. Mein erster Fisch. Die aus Fasern selbstgemachte Angel hat keine Chance. Bevor ein „Normalzahn-Fisch“ anbeißt, kappen die Piranhas die starken Schnüre.

Statt der Fische kann ich eine zwei Meter große unbekannte Boa fangen, hoffe, eine Neuentdeckung gemacht zu haben. Später stellt sich heraus, dass mir jemand zuvor gekommen ist. Beim Einfangen des Tieres spuckt es in seiner Erregung einen frischgefangenen Fisch aus. Mein zweiter Fisch auf der Reise. Ich bin ein Glückspilz.

Die Schlange lasse ich frei. Ich lebe hauptsächlich vegetarisch. Es ist Erntezeit der Stachelpalm-Nüsse. Sie liegen massenhaft unter den Bäumen. Manchmal sind statt der Nüsse dicke gelbliche Larven in den Früchten. Dann esse ich die Larven. Lecker wie Nusspudding.

23 Tage lang treibe ich den immer größer werden Strom talwärts. Dann lande ich bei Indianern. Demnach hat mich der Pilot illegal in einem Indianer-Schutzgebiet abgesetzt. Durch die Radioverbindung der Indianer erfahre ich, dass nach mir gefahndet wird. Ein Staatsanwalt wirft mir Biopiraterie vor. Er hatte einen Zeitungsbericht gelesen und erfahren, dass ich mich bei den Waiapí nach den Medikamenten des Waldes erkundigt hatte. Bei der Gelegenheit stieß er auch auf meine alte Strafakte mit den Aktivitäten im Yanomamiland.

Ich verstecke mich in Manaus. Die Botschaft der Bundesrepublik hilft mir, ungeschoren davon zu kommen. Der Staatsanwalt gibt sich mit einer Zahlung von 300 Euro zufrieden. Wegen des Reisens ohne Pass. Fair.

Das Buch zur Reise heißt Abenteuer Urwald. Es ist ein Doppelband, der auch die Geschichten der Morde um Tatunca Nara erzählt